Ein Abend im Studio Dreieck 1969
Als ich an diesem 20. August des Jahres 1969 abends gegen
19:30 Uhr meine Lieblingsdisco betrete haut es mich aus den Socken. Gerd hatte
gerade den neuesten Hit der Rolling Stones angekündigt mit dem Namen Honky Tonk
Woman. Das Lied handelt von einem Weiberheld. Er legt die (wie er sie nennt) Kneipenfrauen massenweise flach. Das Aussehen
der Frauen ist ihm dabei egal, es geht ihm nur um seine eigene Befriedigung
(diese Infos habe ich aus der Bravo, denn ich spreche zu dieser Zeit noch kein
Englisch). Obwohl dieser Text schon irgendwie etwas aus der Norm war konnte er
aber trotzdem mit den Gitarrenriffs in diesem Song nicht konkurrieren. Die
Stones waren in ihrer Richtung bisher im Bereich Rock, Rhythm
and Blues, Bluesrock angesiedelt, aber dieser Song hörte sich
irgendwie ganz anders an. Gebannt lauschte ich diesen neuartigen Klängen und
war am Ende restlos begeistert.
Ich bestellte mir bei Willi Funk eine Cola-Asbach und
lümmelte mich hinten links in die Nische. Meine Clique war noch nicht da und so
schweifte mein Blick in die Runde. Auf der Tanzfläche versuchten sich Jojo
Scholz und die dicke Ricky an undefinierbaren Tanzbewe-gungen. Auf der rechten
Seite hatten sich die Mariadorfer breit gemacht (Christoph Dahl, Arno Fröschen
und die beiden Topf-Schwestern Regina und Sigrid). An der Theke saßen wie immer
die beiden Dauergäste Rolf Diele und der Kartoffel (wie der mit richtigem
Namen hieß weiß ich nicht). Oben unter der Decke stand Gerd Weidlich an den
beiden Plattentellern.
Ein Stück weiter an der Theke (Richtung Ausgang) versuchte
dieser neue blonde Typ Marianne in ein Gespräch zu verwickeln. Dieser Typ war
ein richtiges Arsch......
Er erzählte jedem (auch denen die es überhaupt nicht
interessierte) das er Helmut heißt und aus Wesel kommt. Ich schätzte seine
Intelligenz so etwa zwischen Bügeleisen und Fahrradpedal ein. Außerdem
verfügte er über eine ausgesprochen ordinäre Ausdrucksweise in seiner Sprache.
Einige Mariadorfer Mädchen standen noch in der Nähe des Ausganges aber von
denen kannte ich nur Marlies Heuer.
Nach 10 Minuten Wartezeit kamen meine Freunde nun herein.
Zuerst Werner, gefolgt von Walter und zuletzt Klaus. Ich erzählte ihnen sofort
von dem neuen Song der Stones und kurz darauf ging Klaus hoch zu Gerd. Schon
erklang dieses blecherne Glockengeräusch gemischt mit der sagenhaften
Schlagzeugeinleitung. Nachdem die ersten Gitarrenriffs erklungen waren sah ich
schon das begeisterte Leuchten in den Augen meiner Freunde.
Nachdem der Song zu Ende war ging es dann um andere
wichtige Themen. Schließlich war es kaum 4 Wochen her, dass der erste Mensch
den Mond betreten hatte und vor drei Tagen fand das größte Rock-Festival der
Menschheitsgeschichte im amerikanischen Woodstock sein Ende. Wir waren uns
einig, dass die Auftritte von Jimi Hendrix und The Who das Allerbeste unter der
ganzen guten Musik war.
Für Mädchen hatten wir an diesem Abend keine Augen mehr.
Gegen 23:00 Uhr schon trollten wir uns zusammen in Richtung Heimat. Der Sommer
war richtig geil. Wir verspürten in diesem Jahr ein ganz neues Lebensgefühl.
Ja, man kann sagen: wir waren glücklich.
Für mich war das Studio Dreieck von seiner Eröffnung im Jahr
1968 bis zu meiner Hochzeit im Jahr 1971 soetwas wie eine zweite Heimat. Leider
waren die Begauer dort nicht sehr stark vertreten. Eingefleischte Studiogänger
waren aus der Begau: Rolf Diele, Joachim Scholz, Hans Fieber, Peter Reis und Alex Palm. Von den jungen Damen waren es Karin Esser,
Heidi Krämer und Mathilde Kubitzki die man manchmal dort antreffen konnte.




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