Mittwoch, 1. April 2020

Ein Abend im Studio Dreieck 1969


Ein Abend im Studio Dreieck 1969








Als ich an diesem 20. August des Jahres 1969 abends gegen 19:30 Uhr meine Lieblingsdisco betrete haut es mich aus den Socken. Gerd hatte gerade den neuesten Hit der Rolling Stones angekündigt mit dem Namen Honky Tonk Woman. Das Lied handelt von einem Weiberheld. Er legt die (wie er sie nennt) Kneipenfrauen massenweise flach. Das Aussehen der Frauen ist ihm dabei egal, es geht ihm nur um seine eigene Befriedigung (diese Infos habe ich aus der Bravo, denn ich spreche zu dieser Zeit noch kein Englisch). Obwohl dieser Text schon irgendwie etwas aus der Norm war konnte er aber trotzdem mit den Gitarrenriffs in diesem Song nicht konkurrieren. Die Stones waren in ihrer Richtung bisher im Bereich Rock, Rhythm and Blues, Bluesrock angesiedelt, aber dieser Song hörte sich irgendwie ganz anders an. Gebannt lauschte ich diesen neuartigen Klängen und war am Ende restlos begeistert.


Ich bestellte mir bei Willi Funk eine Cola-Asbach und lümmelte mich hinten links in die Nische. Meine Clique war noch nicht da und so schweifte mein Blick in die Runde. Auf der Tanzfläche versuchten sich Jojo Scholz und die dicke Ricky an undefinierbaren Tanzbewe-gungen. Auf der rechten Seite hatten sich die Mariadorfer breit gemacht (Christoph Dahl, Arno Fröschen und die beiden Topf-Schwestern Regina und Sigrid). An der Theke saßen wie immer die beiden Dauergäste Rolf Diele und der Kartoffel (wie der mit richtigem Namen hieß weiß ich nicht). Oben unter der Decke stand Gerd Weidlich an den beiden Plattentellern.

Ein Stück weiter an der Theke (Richtung Ausgang) versuchte dieser neue blonde Typ Marianne in ein Gespräch zu verwickeln. Dieser Typ war ein richtiges Arsch......
Er erzählte jedem (auch denen die es überhaupt nicht interessierte) das er Helmut heißt und aus Wesel kommt. Ich schätzte seine Intelligenz so etwa zwischen Bügeleisen und Fahrradpedal ein. Außerdem verfügte er über eine ausgesprochen ordinäre Ausdrucksweise in seiner Sprache. Einige Mariadorfer Mädchen standen noch in der Nähe des Ausganges aber von denen kannte ich nur Marlies Heuer.

Nach 10 Minuten Wartezeit kamen meine Freunde nun herein. Zuerst Werner, gefolgt von Walter und zuletzt Klaus. Ich erzählte ihnen sofort von dem neuen Song der Stones und kurz darauf ging Klaus hoch zu Gerd. Schon erklang dieses blecherne Glockengeräusch gemischt mit der sagenhaften Schlagzeugeinleitung. Nachdem die ersten Gitarrenriffs erklungen waren sah ich schon das begeisterte Leuchten in den Augen meiner Freunde.
Nachdem der Song zu Ende war ging es dann um andere wichtige Themen. Schließlich war es kaum 4 Wochen her, dass der erste Mensch den Mond betreten hatte und vor drei Tagen fand das größte Rock-Festival der Menschheitsgeschichte im amerikanischen Woodstock sein Ende. Wir waren uns einig, dass die Auftritte von Jimi Hendrix und The Who das Allerbeste unter der ganzen guten Musik war.
Für Mädchen hatten wir an diesem Abend keine Augen mehr. Gegen 23:00 Uhr schon trollten wir uns zusammen in Richtung Heimat. Der Sommer war richtig geil. Wir verspürten in diesem Jahr ein ganz neues Lebensgefühl. Ja, man kann sagen: wir waren glücklich.

Für mich war das Studio Dreieck von seiner Eröffnung im Jahr 1968 bis zu meiner Hochzeit im Jahr 1971 soetwas wie eine zweite Heimat. Leider waren die Begauer dort nicht sehr stark vertreten. Eingefleischte Studiogänger waren aus der Begau: Rolf Diele, Joachim Scholz, Hans Fieber, Peter Reis und Alex Palm. Von den jungen Damen waren es Karin Esser, Heidi Krämer und Mathilde Kubitzki die man manchmal dort antreffen konnte.






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